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  • Adrian Zielcke

    „Die Zeitung gab mir die Chance, die Welt zu entdecken”

    Eine Zugfahrt veränderte das Leben von Adrian Zielcke und ebnete seinen Weg in den Journalismus – und das sehr erfolgreich. Als Absolvent der achten Lehrredaktion der Deutschen Journalistenschule arbeitete er danach 40 Jahre für die Stuttgarter Zeitung. Als jüngster Ressortleiter der Zeitung überwand er eine tiefe psychische Krise, die ihn am Schreiben und Reisen hinderte. Später wurde aus seiner Phobie eine Passion. Reiseberichte über Russland, China und der Türkei waren dabei exotisch und beliebt zugleich. Heute ist Zielcke 75 Jahre alt. Er blickt zufrieden auf seinen Werdegang und denkt gar nicht erst ans Aufhören.

    Wie sind Sie zum Journalismus gekommen?

    Adrian Zielcke: Eine flüchtige Begegnung mit einer jungen Frau hat mich zum Journalismus gebracht. Obwohl ich einer der besten Deutschabiturienten des Landes war, wusste ich nach der Schule nicht, was ich machen sollte. Ich habe dann angefangen, Geschichte und Slawistik zu studieren, aber relativ lustlos.

    Eines Tages kurz vor Weihnachten habe ich im Zug eine junge Frau getroffen. Sie hatte einen schweren Koffer bei sich und ich habe ihr geholfen. Wir sind ins Gespräch gekommen. Sie hat schnell gemerkt, dass ich nicht wusste, was ich eigentlich vom Leben wollte. Da hat sie mir von ihrer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule erzählt, und dass sie nun für den Spiegel in Hamburg arbeiten würde. Ich wäre im Leben nicht auf die Idee gekommen, aus meinem Suchen und der Unsicherheit den Beruf des Journalisten zu ergreifen. Mir war diese Welt völlig fremd, doch dieses Mädchen, ich kenne nur ihren Vornamen, Monika, hatte so eine positive Ausstrahlung auf mich. Sie hat mich ermutigt, mich zu bewerben. Ich habe sie nach dieser Zugfahrt nie wiedergesehen, und doch hat sie mein Leben in einer unglaublichen Weise verändert.

    Erinnern Sie sich an die Aufnahmeprüfung der DJS?

    Die Aufnahmeprüfung war im Jahr 1969. Ich kam an und mir wurde ein Briefumschlag in die Hand gedrückt. Darin stand: „Gehen Sie zum Wetteramt München, sprechen Sie mit den Leuten, und schreiben Sie eine Geschichte, wie das Wetteramt arbeitet.” Am nächsten Tag gab es das Auswahlgespräch, eine wahnsinnige Teufelei, da saßen zehn Journalisten von der Süddeutschen und der Abendzeitung, aus allen Ressorts, und haben durcheinander Fragen gestellt. Anfang Juni habe ich dann den Brief bekommen, ab da war klar: Das wird mein Leben sein.

    Was war die größte Herausforderung in Ihrem persönlichen Berufsleben?

    Meine psychische Erkrankung. Die erste Zeit als Journalist war eine einzige Erfolgsgeschichte. Ich ging bei der Stuttgarter Zeitung in das Ressort Innenpolitik und habe mich profiliert. Doch dann kamen psychische Probleme, die immer größer wurden. Nach fünf Jahren in der Zeitung konnte ich keine Zeile mehr schreiben und nicht mehr reisen. Für einen Journalisten tödlich. Außerdem durfte niemand in der Zeitung von meiner Depression wissen, sonst wäre ich weg gewesen. Die Rettung kam in Form einer Beförderung. Mit 31 wurde ich Nachrichtenchef und somit der jüngste Ressortleiter der Zeitung. Auf einen Schlag musste ich nicht mehr selbst schreiben oder reisen, es ging nur noch ums Organisieren. Gleichzeitig habe ich genug Geld verdient, um mir eine Therapie leisten zu können. Die Therapie ging zwar über zehn Jahre und hat mich über Hunderttausend Mark gekostet, aber mit der Zeit hat sie mich von meinem Leiden befreit.

    Was sind die schönsten Erinnerungen aus Ihrem Berufsleben?

    Meine Reisegeschichten. Nach ein paar Jahren hatte ich genug vom Organisieren. Als ich 40 Jahre alt war, wurde das Ressort Außenpolitik frei und ich wurde zum Ressortleiter. Ich wollte in der Funktion etwas Besonderes machen. Alle haben zu der Zeit in den Westen geblickt, da dachte ich mir, ich mache jetzt einfach das Gegenteil und schaue in den Osten. Ich habe ab da jedes Jahr eine Russlandreise gemacht, immer zehn Tage. Angefangen in Königsberg, ging es immer weiter in den Osten. St. Petersburg, Moskau, Baikalsee, bis ich ganz im Osten in Wladiwostok angekommen bin. Die Reisen waren sehr teuer. Heute würde man in der Irrenanstalt landen, würde man solche Reiseanträge stellen. Aber damals hatten die Verlage viel Geld, mir wurde jede Reise bewilligt. Diese Reiseberichte waren schon einzigartig in Deutschland zu der Zeit. Eine Leserumfrage hat dann ergeben, dass meine Reisegeschichten die beliebtesten der ganzen Zeitung waren, das war wie ein Ritterschlag für mich. Ich habe dann noch andere Länder bereist: China, Australien, Türkei. Die Geschichten waren für die Leser exotisch, und sie haben sie verschlungen. Im Endeffekt war ich ein Reiseredakteur unter dem Deckmantel des politischen Redakteurs. Mich hat es immer mehr interessiert, fremde Länder, Kulturen und fremde Menschen kennenzulernen als Leitartikel zu schreiben, obwohl ich natürlich sehr viele verfasst habe.

    Heute sind Sie 75 Jahre alt. Wie blicken Sie auf Ihr journalistisches Leben zurück und warum arbeiten Sie noch immer?

    Ich hatte ein wunderschönes Arbeitsleben. Es war eine Zeit, in der die Verlage Geld hatten und es auch ausgaben. Ich hatte großes Glück. Die Zeitung gab mir die Chance, die Welt zu entdecken, dafür bin ich sehr dankbar. Ich mache mittlerweile vor allem lokale Geschichten. Ich habe heute noch genauso viel Kraft, Geschichten zu erzählen. Im Gegenteil, ich würde meine Energie verlieren, wenn ich nur daheim rumsitzen würde. Solange die Neugier aufs Leben da ist, solange bleibt man auch jung.

    Das Interview führte Simon Garschhammer.